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Forschungsbereich 1

Etablierung von Differenz: religiös-politische Konflikte und Konsensstiftungen

Die wechselseitige Durchdringung von Politik und Religion entwickelte in der Frühen Neuzeit eine bis in das 20. Jahrhundert hinein reichende produktive Dynamik, die »Europa« zu einem Laboratorium für den konsensstiftenden Umgang mit religiös-politischer Differenz werden ließ. Im Forschungsbereich wird der Basis-Prozess untersucht, der die religiös-politische Diversifizierung im Gefolge der Reformation zur sich allmählich institutionell verfestigenden, doch immer wieder umstrittenen Grundsignatur europäischer Lebenswelten umformte.

Dabei werden diese Prozesse als Transformationen der fortlaufenden Verflechtung von Religion und Politik neu interpretiert. Denn die Gesamtentwicklung war zunächst von dem anhaltenden Anliegen der Akteure bestimmt, angesichts der religiös-politischen Differenzen eine einheitliche Ordnung (wieder-) herzustellen. Das Scheitern der darauf abzielenden Versuche nötigte zur Entwicklung von neuen, oft nur als Übergangsregelungen gemeinten Verfahren für die Beilegung von Konflikten oder die Ordnung des Gemeinwesens. Diese setzten sich aber allmählich als öffentlich akzeptierte Basis gesellschaftlicher und politischer Stabilität durch. Die Vorstellung von übergreifender »pax et concordia« hatte nur unter Aufgabe des Ideals religiöser »unitas« eine Zukunft. Die Entwicklung der Wissenskulturen, grenzüberschreitende, transeuropäische Kontakte sowie eine zunehmend unbefangene Wahrnehmung anderer Religionen und solcher Strömungen, die man zuvor als heterodox qualifiziert hatte, setzten einen tiefgreifenden Wandel in Gang: Traditionelle Ideale wurden aufgegeben oder umgedeutet und in vermeintlich tragfähigere Ordnungsvorstellungen des lebensweltlichen Verhältnisses von Religion und Politik überführt.

Das Ziel des Forschungsbereiches ist es, diesen Wandel der lebensweltlichen Verflechtungen von Religion und Politik in einer »Geschichte von Konjunkturen« zu rekonstruieren, welche die gewohnten Epochengrenzen innerhalb der Neuzeit übergreift. Sie wird im Forschungsbereich in drei Modulen untersucht. Diese widmen sich

  1. der Begründung und Kritik religiös-politischer Differenzen, die sich in der Ausbildung einer theologisch reflektierten konfessionellen Streitkultur und ihrer kritischen Relativierung in universitären und informellen Gelehrtennetzwerken erfassen lässt;
  2. den Versuchen zur Regulierung religiös-politischer Differenzen, die sich unter anderem in der Entwicklung von Religionsfrieden und sozialen Ordnungen, aber auch derjenigen einer gesellschaftlichen Protestpraxis niederschlug;
  3. der Repräsentation religiös-politischer Differenzen und Differenzbeilegung in visuellen, sprachlichen und klanglichen Medien.

Die Module umfassen jeweils Grundlagen- und Auswertungsprojekte, die das übergeordnete Modulthema in exemplarischer Weise bearbeiten.
 

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1. Konfessionelle Streitkultur und neuzeitliche Wissenskulturen

Im religiös-theologischen Feld nutzten Akteure Formen der Auseinandersetzung, die dem akademischen Kontext entlehnt waren, und übertrugen sie in öffentlichkeitswirksame Zusammenhänge. Dadurch bildete sich eine spezifische »konfessionelle Streitkultur« heraus. Diese trug einerseits zur Klärung der Positionen bei, konstituierte andererseits letztlich die Konfessionalität. Das Bemühen um Überwindung von Gegensätzen führte so im Ergebnis zur Verfestigung konfessioneller Differenzen. Im Kontext neu entstehender Wissenskulturen wurde diese Entwicklung kritisch reflektiert. Universitäre und informelle Gelehrtennetzwerke stellten den konfessionellen Antagonismus zunehmend in Frage, wobei sie auch auf allgemein-humane Ideen rekurrierten. Hieran hatten auch die sich vertiefenden Interaktionen zwischen Christen- und Judentum sowie zwischen Christentum und Islam erheblichen Anteil.

a) Politischer Hesychasmus in den Donaufürstentümern im 15./16. Jahrhundert

b) Kontroversliteratur und Streitkultur in der nachinterimistischen Zeit

c) Brief und Streit – Korrespondenznetzwerke des Matthias Flacius Illyricus (in Vorbereitung)

d) Sozinianische Netzwerke und ihr Einfluss auf die europäische Frühaufklärung


2. Staatliche und gesellschaftliche Konfliktbewältigungsstrategien

Mit wachsender Einsicht in die Unmöglichkeit, die sich verhärtenden religiös-politischen Differenzen mit militärischen Mitteln endgültig zu beseitigen, entwickelte man in Europa vielfältige neue Verfahren der Friedensstiftung und Differenzregulierung. Deren Ausgestaltung wurde durch den Austausch zwischen diplomatischen, juristischen und theologischen Experten vorangetrieben. Das führte neben wirkmächtigen zwischenstaatlichen Friedensschlüssen zu spezifischen binnenterritorialen bzw. binnenstaatlichen Religionsfrieden, deren Regelungen meist von vornherein zeitlich befristet waren. Jedoch blieben die derart rechtlich eingehegten gewaltträchtigen Konflikte gesellschaftlich latent und traten unter veränderten Bedingungen auch später krisenhaft hervor.

a) Religiöse Friedenswahrung und Friedensstiftung in Europa (1500-1800): Digitale Quellenedition frühneuzeitlicher Religionsfrieden

b) Theologische Expertenkommunikation und Religionsfrieden

c) Kleiderordnungen und religiöse Pluralität

d) Glaubenskämpfe: Religion und Gewalt im katholischen Europa, 1848–1914

 

3. Repräsentationen religiös-politischer Differenz und Differenzbeilegung

Für den Umgang mit religiös-politischer Differenz spielte symbolische Kommunikation eine zentrale Rolle. Visuelle, sprachliche und klangliche Medien, die weite Teile der Bevölkerung erreichten, trugen zur Schlichtung wie zur Verschärfung von Konflikten bei. Diese Medien wirkten gleichzeitig produktiv und teilweise normativ auf den Umgang mit Differenz zurück.

a) Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen – Repräsentationen des Friedens im vormodernen Europa

b) Gotteslästerung. Häresie und Blasphemie in Europa seit 1500

c) Zwischen Heimatfront und Schlachtfeld – Protestantische Theologie im Ersten Weltkrieg

d) Migranten in Istanbul. Differenz und Zugehörigkeiten in der Osmanischen Welt des 16. bis 18. Jahrhunderts