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Für Gott, Vaterland und Menschheit – Freimaurerischer Internationalismus in Europa (1850–1935)

Das Forschungsvorhaben untersucht, wie die Freimaurerei als Assoziation, die Formen und Selbstdeutungen aus dem frühen 18. Jahrhundert bis ins Zeitalter der Extreme überführte, auf die Herausforderung des Internationalismus reagierte. Freimaurer, die ihre Institution als eine kosmopolitische verstanden, waren in nationalen Körperschaften organisiert, die sich hinsichtlich ihrer religiös-transzendenten Grundlagen und ihres gesellschaftlichen Engagements sehr unterschiedlich entwickelten. Die Leitfrage des Projekts lautet, wie Freimaurer auf internationaler Ebene  ihre divergenten Vorstellungen religiöser Verbindlichkeiten mit dem Postulat der Gewissensfreiheit austarierten, und wie sich ihre unterschiedlichen nationalen Loyalitäten und kolonial-imperialen Ambitionen zu einem Humanitätsideal verhielten, das alle diese Differenzen überspannen sollte.

Ein freimaurerischer »Internationalismus« entwickelte sich parallel zu ähnlichen Bewegungen in den Bereichen Telekommunikation, Wissenschaft oder Künsten, in denen seit den 1880er und 1890er-Jahren vermehrt internationale Kongresse abgehalten wurden, die in die Gründung internationaler Verbände oder Geschäftsstellen mündeten. Der Ausgleich zwischen den universalen Zielen dieser transnationalen Organisationen und den Einzelinteressen der nationalen Verbände war konfliktträchtig – so auch in der Freimaurerei. Seit den 1880er-Jahren formierten sich transnationale freimaurerische Bewegungen, die sich in Organisationen wie dem »Bureau international de relations maçonniques« (1921 abgelöst von der »Association maçonnique internationale«) und der »Ligue internationale de francs-maçons« verfestigten. Solche grenzüberschreitenden Initiativen wurden dadurch erschwert, dass sich in den europäischen Gesellschaften zunehmend antifreimaurerische Stimmungen artikulierten, die in der These von der »jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung« gipfelten.

Dem Forschungsprojekt liegt ein integratives Verständnis von »Internationalismus« als einer normativem Zielkategorie und eines kommunikativen Verdichtungsprozesses zugrunde. Damit erfasst werden (1.) transnationale Bewegungen auf Ebene der Körperschaften und deren institutionalisierte Verfestigung in transnationalen Strukturen und Organisationen. Dieser organisierte Transnationalismus war (2.) in ein Geflecht bilateraler Beziehungen zwischen den Körperschaften eingebunden. Ergänzend und zum Teil konkurrierend werden (3.) internationale Grass-roots-Bewegungen als Initiativen und Zusammenschlüsse individueller Freimaurer einbezogen, die unabhängig von ihren national organisierten Körperschaften auf internationaler Ebene interagierten.

Das Projekt nähert sich dem freimaurerischen Internationalismus aus drei Perspektiven. Erstens wird untersucht, wie sich verschiedene national verfasste Körperschaften, die bestimmten ideologischen »Lagern« zugerechnet werden, in den internationalen Arenen positionierten: aus dem »angelsächsischen« Lager die United Grand Lodge of England, die sich als »Muttergroßloge der Weltfreimaurerei« verstand; der Grand Orient de France und der Grande Oriente d’Italia als »zankende Schwestern« im »romanischen« Lager; sowie zwei der deutschen Großlogen, die zwischen diesen Lagern standen (die preußische National-Mutterloge als »nationale« und »christliche« Großloge und der Frankfurter Eklektische Bund als Vermittler der »humanitären« Großlogen). Dabei zeigt sich, daß sich die Lager langsamer als bisher angenommen herausbildeten, daß ihre Grenzen fließend blieben, und daß sie wesentlich inhomogener waren, als es die zeitgenössischen Selbst- und Fremdzuschreibungen nahelegen.

Zweitens werden die Konjunkturen und Krisen der transnationalen Bewegungen und Organisationen mit ihren wichtigsten Zäsuren nachgezeichnet. Dabei wird die formative Phase des freimaurerischen Internationalismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet und der Charakter des Ersten Weltkriegs als Drehscheibe und Katalysator des Internationalismus bestimmt. Diese Form des organisierten Internationalismus, die wesentlich von französischen, italienischen und iberischen sowie schweizerischen, belgischen und niederländischen Freimaurereien getragen wurde, stieß auf Vorbehalte in den angelsächsischen und deutschen Verbänden, die eigene internationale »Koalitionen« schmiedeten  (wie die »English-speaking Masonry« oder das »freimaurerische Mitteleuropa«).

Drittens analysiert das Projekt bestimmte Streitthemen und Konfliktmuster, die sich zwischen den Befürwortern und Gegnern des Internationalismus über Jahrzehnte hinweg aufbauten. Der Streit über die »Mission« der Freimaurerei focussiert darauf, wie Universalismus gegen Internationalismus ausgespielt wurde, wie die transzendenten Bindungen der Freimaurerei im Symbol des »Grand Architecte de l’Univers« definiert wurden, und wie das Postulat der »Gewissensfreiheit« ver- oder angefochten wurde – je nach Position mit dem Vorwurf des Dogmatismus oder des Atheismus. Die Auseinandersetzung über die Rolle der Freimaurerei in der Gesellschaft (als »Außenarbeit«) wird am Beispiel von Antimasonismus, Pazifismus, Europäismus und Transatlantismus nachvollzogen. Wie sich Freimaurer »universale« Zeichen und Mythen zu konstruieren suchten, zeigen Debatten über eine Angleichung der Ritualsysteme und über eine gemeinsame Erinnerungspolitik. Abschließend werden mit humanitärem Engagement und außereuropäischer Expansion neuralgische »Grenzräume« zwischen Außen- und Innenarbeit analysiert. In der Gesamtschau dieser Debatten lässt sich das ideologische Spektrum des Phänomens »Freimaurerei« historisieren und kontextualisieren.