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Katholischer (Anti-) Imperialismus in Italien um 1900

Kurz nach der Gründung des Königreichs Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah sich der junge Nationalstaat weiterhin mit diversen politischen, ökonomischen und sozialen Schwierigkeiten konfrontiert. Das Ringen um Macht, Anerkennung und Identität manifestierte sich im Inneren unter anderem in der auch außenpolitisch relevanten Römischen Frage und in der Ausbildung spezifischer katholischer Milieus, auf internationaler Ebene in der Rolle, die Italien im von etablierten Kolonialmächten dominierten Machtkampf einnahm.
 
Als Gegner auf dem Weg zur Unabhängigkeit wahrgenommene Staaten, etwa Frankreich, standen dem imperialistischen Italien gleichermaßen als Konkurrenten um Kolonialgebiete und potentielle Verbündete gegenüber, während gleichzeitig der Heilige Stuhl seine Missionspolitik in den Kolonien ›wiederbelebte‹. Es kann folglich von einer großen Bandbreite an Haltungen zum italienischen und europäischen Expansionismus innerhalb der katholischen Milieus in Italien ausgegangen werden, die sich in den Medien niederschlugen.
 
Das Projekt beabsichtigt daher, anfänglich ausgehend von einer Analyse katholischer Zeitungen, Missionszeitschriften und verschiedener ergänzender Materialien im Hinblick auf die Thematisierung und Bewertung außereuropäischer (Kolonial-)Ereignisse unter italienischer und europäischer Beteiligung (insbesondere Boxerkrieg, Burenkrieg, Libyen-Kampagne) zwischen dem italienisch-äthiopischen Krieg (1895-1896) und dem italienisch-türkischen Krieg (1911-1912), katholische Positionen zur italienischen und europäischen Expansionspolitik und deren Hintergründe zu untersuchen.
 
Unter der Annahme, dass Kolonialismuskritik als ›propagandistische Folie‹ gedient haben könnte, sollen vor dem Hintergrund der Missionsbewegung, des Spannungsverhältnisses zwischen Kirche und Staat und der Entstehung verschiedener katholischer Bewegungen und Organisationen (z.B. Società Antischiavista Italiana) einerseits die Motive hinter pro- und antikolonialen Haltungen hinterfragt werden, andererseits soll der Weg kolonialer ›Neuigkeiten‹ in die katholischen Medien rekonstruiert werden.
 
Dabei werden sich Unteraspekte des Projektes auch, je nach späterer Schwerpunktsetzung, italienischen (anti-)imperialistischen Positionen im Diskurs internationaler ›Netzwerke‹ sowie der italienischen (katholischen) Imagination Asiens und Afrikas um 1900 widmen.