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Annäherung zwischen Kirche und Staat im imperialen Kontext? Katholizismus und Kolonialpolitik im liberalen Italien (1878–1912)

Katharina Pieper geht in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach, ob der imperiale Kontext eine allmähliche Annäherung zwischen Liberalismus und politischem Katholizismus in Italien ermöglichte, lange bevor dies auf innenpolitischer Ebene möglich war und es zu den Lateranverträgen (1929) kam. Nach der Nationalstaatsgründung (1861) rang Italien nicht nur außenpolitisch um einen Platz unter den etablierten Kolonialmächten, sondern auch um innenpolitische Anerkennung. Insbesondere im Zusammenhang mit der Römischen Frage hatte sich in Italien ein starkes katholisch-politisches Milieu herausgebildet, dessen Angehörige sehr unterschiedliche Positionen bezüglich des neu gegründeten Staates und seiner Expansionspolitik vertraten.

Vertreter des militanten, antiliberalen Katholizismus (Intransigenti), die durch diverse katholische Medien und die Dachorganisation Opera dei Congressi e dei Comitati Cattolici (1874–1904) in Italien repräsentiert waren, unterstützen die temporale Macht des Papstes und die katholische Missionsarbeit, während sie den neuen Staat und seine Kolonialpolitik, die ihrer Meinung nach dem »guten Ruf« Italiens schadete, ablehnten.
 
Die nationalkonservativen Katholiken (Transigenti oder Conciliatoristi) hingegen, deren wichtigstes Presseorgan die Rassegna nazionale darstellte, sprachen sich für die Reduktion der päpstlichen Kompetenzen auf das Spirituelle aus. Zur »Verbreitung der italienischen Kultur und Sprache in der Welt« setzten sie sich nicht nur für eine Aussöhnung zwischen Staat und Kirche im Allgemeinen ein, sondern in Gestalt der Associazione nazionale per soccorere i missionari cattolici italiani (1886) auch für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche in den Missions- und Kolonialgebieten sowie für ein Ende des französischen Protektorats über die italienischen Missionare.
 
Unter der Prämisse, dass diese »Kolonialfrage« ein zentrales Element der Spaltung zwischen Intransigenti und Transigenti bildete ließe sich folglich an deren Veränderung eine Aufweichung der Grenzen zwischen beiden Gruppierungen und damit auch zwischen Liberalismus und Katholizismus ablesen. Auf einen Beweis – oder die Widerlegung – dieser These zielt das Dissertationsprojekt anhand der Untersuchung des Wandels der Einstellungen bezüglich der italienischen Expansionsbestrebungen im Zusammenhang mit zentralen Ereignissen der italienischen Kolonial- und Missionsgeschichte ab.