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Mobilität und Grenzziehung

Mobilität und Grenzziehung

Mobilität macht Andersartigkeit besonders sichtbar. Die Bewegung von Personen, Objekten und Konzepten zeigt einerseits bestehende politische, soziale, kulturelle, und religiöse Grenzziehungen, die eingehalten, überschritten oder neu verhandelt werden müssen. Andererseits führt sie zu neuen Grenzziehungen und Formen mehr oder weniger dauerhafter Verflechtungen. Vor dem Hintergrund wachsender Mobilität und Verflechtung in der europäischen Neuzeit soll in diesem Forschungsbereich untersucht werden, welche Auswirkungen solche Bewegungen auf den sich wandelnden Umgang mit Differenz zwischen dem 16. bis in das 20. Jahrhundert hatten. Ein besonderes Augenmerk der geschichtswissenschaftlichen und religionshistorischen Analyse gilt freiwillig und unfreiwillig mobilen Akteuren, der Frage von Zugehörigkeit angesichts sich verschiebender Grenzziehungen, und dem Phänomen der Übersetzung, das durch gesteigerte Mobilität virulent wurde. 

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In religionshistorischer Perspektive steht erstens Grenzüberschreitungen zwischen den Konfessionen und Religionen im Fokus, wie sie durch Konversionen gelenkt und ermöglicht werden. Diese Form von Mobilität ist nicht nur im Zusammenhang mit den christlichen Missionsgesellschaften auf anderen Kontinenten, sondern auch in den östlichen Orthodoxien oder im Islam des Osmanischen Reiches zu rekonstruieren. Eine Untersuchung von Konversionsnarrativen im europäischen, interreligiösen Vergleich stellt ein Desiderat dar. Zweitens ist die Spannung von religiöser Traditionsbewahrung und -veränderung von Interesse, welche die Gemeinschaften von Glaubensflüchtlingen charakteristisch prägte. Dabei sind die von diesen Migranten ausgehenden Netzwerke von Gemeinden, wie im Fall der Sephardim im Osmanischen Reich oder der Puritaner in Nordamerika, für die Grenzen überspannende Dynamik religiöser Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen bedenkenswert. Drittens wird das religiöse Selbstverständnis von dezidiert transkonfessionellen bzw. interreligiösen Milieus untersucht. Dieses Selbstverständnis lässt sich von den humanistisch gesinnten Irenikerkreisen bis hin zu den Weltanschauungsvereinen, die einen Standpunkt »über« den monotheistischen Religionen beanspruchten, verfolgen. Viertens sind Übersetzungen religiöser und theologischer Schriften Gegenstand der Analyse. In der zunehmenden nationalsprachlichen Verbreitung von Erbauungsschriften quer durch alle Konfessionen oder in den Übersetzungen des Koran kommt einerseits die Dissemination grundlegender Kenntnisse anderer Konfessionen und Religionen zum Vorschein; andererseits steuern Übersetzungen durch Selektion und sprachliche Formulierung die Rezeption der übersetzten Schriften, wodurch religiöse Grenzziehungen und Verflechtungen deutlich werden.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive stehen erstens Personen und Personengruppen im Fokus, die auf eigenen Wunsch geographische Grenzen überschritten. Anhand ihrer Lebensgeschichten können Praktiken der Grenzziehung und Grenzüberschreitung sowie die Ausbildung grenzüberschreitender Netzwerke und sich dadurch verfestigender Verflechtungszusammenhänge erforscht werden. Von besonderem Interesse sind Akteure aus Wirtschaft und Politik, die bei der Ausbildung von Strukturen globaler Verflechtungen eine tragende Rolle spielten. Zweitens geraten Personen in den Blick, die gezwungen waren, ihren Lebensort zu wechseln. Insbesondere in den Lebensläufen von Verfolgten und Vertriebenen sind sich wandelnde Handlungspotenziale in lokalen, nationalen und internationalen Kontexten zu erfassen und in Bezug auf die Entstehung von ex- und inkludierenden Konzepten wie Nation und Staatsbürgerschaft sowie von politischem Asyl und humanitärer Hilfe zu untersuchen. Ein drittes Themenfeld bildet die Frage nach den politischen, sozialen, regionalen und religiösen Zugehörigkeiten von Personen und Kollektiven, die durch Mobilität und sich verändernde Grenzziehungen immer wieder neu aufgeworfen wurde. Zugehörigkeiten mussten von den mobilen Akteuren und den mit ihnen konfrontierten Gesellschaften (neu) definiert und ausgehandelt werden. Dabei ist zwischen den von einzelnen Personen und Kollektiven selbst empfundenen und den ihnen von außen zugeschriebenen Zugehörigkeiten zu unterscheiden und dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Personen stets über multiple, sich überlagernde Zugehörigkeiten verfügten. Besonders aufschlussreich ist die Erforschung von Zugehörigkeiten bei Migranten, die sich in Grenzräumen und Zuständen des Übergangs auflösten und neu ausbildeten. Einen vierten Zugang bietet das Phänomen der Übersetzung, das für den Austausch im durch Mobilität hergestellten Kontakt mit dem »Anderen« grundlegend ist. Hier interessieren Prozesse des selektiven Wissens- und Kulturtransfers und die Medien, die diese Translationsprozesse ermöglichten und beförderten. Zu fragen ist etwa, wie sich »radikale« politische, soziale und kulturelle Ideen im Widerspiel von öffentlicher Zensur und klandestiner Weitergabe verbreiteten.

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