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Eine europäische Geschichte des freimaurerischen Internationalismus (1845–1935)

Fragestellung Ergebnisse

Fragestellung
Das zwischen 2009 und 2019 durchgeführte Forschungsvorhaben untersuchte, wie die Freimaurerei als eine Assoziation, die Formen und Selbstdeutungen aus dem frühen 18. Jahrhundert bis ins Zeitalter der Extreme überführte, auf die Herausforderung des Internationalismus reagierte. Freimaurer, die ihre Institution als eine kosmopolitische verstanden, waren in nationalen Körperschaften organisiert, die sich hinsichtlich ihrer religiös-transzendenten Grundlagen und ihres gesellschaftlichen Engagements sehr unterschiedlich entwickelten. Die Leitfrage des Projekts lautete, wie Freimaurer auf internationaler Ebene ihre divergenten Vorstellungen religiöser Verbindlichkeiten mit dem Postulat der Gewissensfreiheit austarierten, und wie sich ihre unterschiedlichen nationalen Loyalitäten und kolonial-imperialen Ambitionen zu einem Humanitätsideal verhielten, das alle diese Differenzen überspannen sollte.

Ein freimaurerischer »Internationalismus« entwickelte sich parallel zu ähnlichen Bewegungen in den Bereichen Telekommunikation, Wissenschaft oder Künsten, in denen seit den 1880er und 1890er-Jahren vermehrt internationale Kongresse abgehalten wurden, die in die Gründung internationaler Verbände oder Geschäftsstellen mündeten. Der Ausgleich zwischen den universalen Zielen dieser transnationalen Organisationen und den Einzelinteressen der nationalen Verbände war konfliktträchtig – so auch in der Freimaurerei. Seit den 1880er-Jahren formierten sich transnationale freimaurerische Bewegungen, die sich in Organisationen wie dem »Bureau international de relations maçonniques« (1921 abgelöst von der »Association maçonnique internationale«) und der »Ligue internationale de francs-maçons« verfestigten. Solche grenzüberschreitenden Initiativen wurden dadurch erschwert, dass sich in den europäischen Gesellschaften zunehmend antifreimaurerische Stimmungen artikulierten, die in der These von der »jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung« gipfelten.

Dem Forschungsprojekt lag ein integratives Verständnis von »Internationalismus« als einer normativem Zielkategorie und eines kommunikativen Verdichtungsprozesses zugrunde. Damit erfasst werden (1.) transnationale Bewegungen auf Ebene der Körperschaften und deren institutionalisierte Verfestigung in transnationalen Strukturen und Organisationen. Dieser organisierte Transnationalismus war (2.) in ein Geflecht bilateraler Beziehungen zwischen den Körperschaften eingebunden. Ergänzend und zum Teil konkurrierend werden (3.) internationale Grass-roots-Bewegungen als Initiativen und Zusammenschlüsse individueller Freimaurer einbezogen, die unabhängig von ihren national organisierten Körperschaften auf internationaler Ebene interagierten.

Das Projekt näherte sich dem freimaurerischen Internationalismus aus drei Perspektiven. Es untersuchte erstens, wie sich verschiedene national verfasste Körperschaften, die bestimmten ideologischen »Lagern« zugerechnet werden, in den internationalen Arenen positionierten: aus dem »angelsächsischen« Lager die United Grand Lodge of England, die sich als »Muttergroßloge der Weltfreimaurerei« verstand; der Grand Orient de France und der Grande Oriente d’Italia als »zankende Schwestern« im »romanischen« Lager; sowie zwei der deutschen Großlogen, die zwischen diesen Lagern standen (die preußische National-Mutterloge als »nationale« und »christliche« Großloge und der Frankfurter Eklektische Bund als Vermittler der »humanitären« Großlogen). Dabei zeigte sich, daß sich die Lager langsamer als bisher angenommen herausbildeten, daß ihre Grenzen fließend blieben, und daß sie wesentlich inhomogener waren, als es die zeitgenössischen Selbst- und Fremdzuschreibungen nahelegen.

Zweitens wurden die Konjunkturen und Krisen der transnationalen Bewegungen und Organisationen mit ihren wichtigsten Zäsuren herausgearbeitet. Die erste Hochphase des freimaurerischen Internationalismus setzte um 1885 ein; der Erste Weltkrieg bildete eine Zäsur, einen Katalysator und eine Drehscheibe. Die transnationalen Bewegungen, die wesentlich von französischen, italienischen und iberischen sowie schweizerischen, belgischen und niederländischen Freimaurereien getragen wurde, stießen auf Vorbehalte in den angelsächsischen und deutschen Verbänden, die eigene multilaterale »Koalitionen« schmiedeten  (wie die »English-speaking Masonry« oder das »freimaurerische Mitteleuropa«).

Drittens analysierte das Projekt bestimmte Streitthemen und Konfliktmuster, die sich zwischen den Befürwortern und Gegnern des Internationalismus über Jahrzehnte hinweg aufbauten. Der Streit über die »Mission« der Freimaurerei focussiert darauf, wie Universalismus gegen Internationalismus ausgespielt wurde, wie die transzendenten Bindungen der Freimaurerei im Symbol des »Grand Architecte de l’Univers« definiert wurden, und wie das Postulat der »Gewissensfreiheit« ver- oder angefochten wurde – je nach Position mit dem Vorwurf des Dogmatismus oder des Atheismus. Die Auseinandersetzung über die Rolle der Freimaurerei in der Gesellschaft (als »Außenarbeit«) wird am Beispiel von Antimasonismus, Pazifismus, Europäismus und Transatlantismus nachvollzogen. Wie sich Freimaurer »universale« Zeichen und Mythen zu konstruieren suchten, zeigen Debatten über eine Angleichung der Ritualsysteme und über eine gemeinsame Erinnerungspolitik. Abschließend werden mit humanitärem Engagement und außereuropäischer Expansion neuralgische »Grenzräume« zwischen Außen- und Innenarbeit analysiert.

In der Gesamtschau dieser Debatten und Entwicklungen erscheint die freimaurerische Variante des Internationalismus als ein spannungsreiches Experimentierfeld zivilgesellschaftlicher Zusammenarbeit und Abgrenzung in Europa.

Ergebnisse
Monographie
Mit Gott, für Vaterland und Menschheit? Eine europäische Geschichte des freimaurerischen Internationalismus (1845–1935), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 259). Gedruckt im Buchhandel erhältlich sowie open access, URL: https://doi.org/10.13109/9783666564857.

Vorstudien
The great divide: Transatlantic brothering and masonic internationalism, c. 1870–1930, in: Atlantic Studies. Global Currents 16 (2019), 405–422. URL (closed access): https://doi.org/10.1080/14788810.2019.1570446.

»une institution cosmopolite«? Rituelle Grenzziehungen im freimaurerischen Internationalismus, in: Bernhard Gißibl / Isabella Löhr (Hg.), Bessere Welten. Kosmopolitismus in den Geschichtswissenschaften, Frankfurt/M. 2017, 167–192.

»Une œuvre internationale d’un caractère humanitaire«: The Appeal to Humanity in International Masonic Rela-tions, in: Fabian Klose / Mirjam Thulin (Hg.), Humanity. A History of European Concepts in Practice From the Sixteenth Century to the Present, Göttingen 2016, 231–248. URL (open access): http://dx.doi.org/10.13109/9783666101458.231.

Regimes of Territoriality: Overseas Conflicts and Inner-European Relations, c. 1870–1930, in: Journal for Research into Freemasonry and Fraternalism 4/1 (2014), 101–115. URL (closed access): http://dx.doi.org/10.1558/jrff.v5i1.26558.

Local – national – transnational heroes? Hero-worship in Western European freemasonries (c. 1870–1914), in: Claus Oberhauser / Wolfgang Knapp (Hg.), Hinter den Kulissen. Beiträge zur historischen Mythenforschung, Innsbruck 2012, 115–128.

Between Universal Values and National Ties: Western European Freemasonries Face the Challenge of ›Europe‹ 1850–1930, in: Journal for Research into Freemasonry and Fraternalism 1 (2010), 205–226. URL (closed access): http://dx.doi.org/10.1558/jrff.v1i2.203.

Europäische Freimaurereien (1850–1935): Netzwerke und transnationale Bewegungen, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. v. Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL (open access), http://www.ieg-ego.eu/bergerj-2010-de, urn:nbn:de:0159-20100921101 (engl. European Freemasonries, 1850–1935: Networks and Transnational Movements, http://www.ieg-ego.eu/bergerj-2010-en, URN: urn:nbn:de:0159-20100921522).