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»Annäherung im imperialen Kontext. Katholizismus und Kolonialpolitik im liberalen Italien (1878–1912)«

Anna Katharina Pieper untersucht in ihrem Dissertationsprojekt inwiefern die italienische Kolonialfrage als Maßstab für den Grad der Spaltung zwischen katholischen Gruppierungen fungieren kann und ob die Überlappung staatlicher und kirchlicher Sphären im imperialen Kontext, wie sie an der Verwicklung des Nationalen Vereins zur Unterstützung der katholischen italienischen Missionare in den Boxerkriegen in China (1899-1901) sichtbar wird, die Nationalisierung des italienischen  Katholizismus antizipierte.

Nach seiner Gründung (1861) rang der junge italienische Nationalstaat nicht nur außenpolitisch um einen Platz unter den etablierten Kolonialmächten, sondern auch um Anerkennung auf innerstaatlicher Ebene. Die ungelöste »Römische Frage« und die daraus resultierende Spaltung der italienischen Gesellschaft hatten eine politische Integration des Katholizismus in den Staat ebenso verhindert wie eine effektive Zusammenarbeit zwischen (Kolonial-)Staat und katholischer Missionsarbeit.
 
Einen zentralen Streitpunkt zwischen politischen katholischen Lagern bildete die Kolonialfrage. So lehnten Vertreter des antiliberalen Katholizismus (»Intransigenti«), welche die temporale Macht des Papstes unterstützten, nicht nur den liberal regierten Nationalstaat, sondern auch seine Kolonialpolitik vehement ab, die ihrer Meinung nach dem »guten Ruf« Italiens schadete.
 
Nationalkonservative Katholiken hingegen sympathisierten mit den Liberalen und sprachen sich für die Reduktion der päpstlichen Kompetenzen auf das Spirituelle sowie für eine Aussöhnung zwischen Staat und Kirche aus. Zur »Verbreitung der italienischen Kultur und Sprache in der Welt« setzten sie sich in Gestalt des Nationalen Vereins zur Unterstützung der katholischen italienischen Missionare für ein verstärktes Ineinandergreifen von Missionsarbeit und Kolonialinteressen ein. Der Verein war seinem Selbstverständnis nach katholisch und humanitär, dabei aber zu nationalistisch, um gemäß dem päpstlichen Verbot der politischen Partizipation von Katholiken in Italien (1874) als rein karitativ zu gelten. In liberal- antiklerikalen Kreisen wurde der Verein als zu kirchlich angesehen und unter intransigenten Katholiken des Antiklerikalismus und der Freimaurerei verdächtigt.
 
Erst nach der italienischen Beteiligung am Boxerkrieg (1899-1901) in China, den anschließenden staatlichen Unterstützungszahlungen zum Wiederaufbau der geschädigten italienischen Missionen, die auch der Verein erhielt, begann sich die problematische Zwischenposition zu ändern, während sich auch der italienische katholische Kolonialdiskurs insgesamt wandelte.

Die militärischen Niederlagen in Dogali (1887) und Adua (1896) hatten die allgemeine Kolonialbegeisterung abebben lassen und die intransigenten Katholiken in ihrer vehementen Ablehnung des italienischen Kolonialprojektes bestärkt. Doch bereits im Zuge des Boxerkrieges (1899-1901) wurden die getöteten italienischen Missionare zu nationalen Märtyrern umgedeutet und eine staatliche Unterstützung der italienischen Missionen gefordert, die militärisch und finanziell (z.B. Entschädigungszahlungen) erfolgte.

Während des Italienisch-Türkischen Krieges (1911-1912), als sich antiimperialistische Haltungen in Italien weitgehend auf das sozialistische und anarchistische Milieu beschränkten, waren diese Forderungen schließlich in eine nationalkatholische, antiosmanisch geprägte Unterstützung des Kolonialkrieges in Libyen umgeschlagen. Die Überlappung und Verschmelzung staatlicher und kirchlicher Sphären im imperialen Kontext antizipierte somit nicht nur die Annäherung zwischen Staat und Kirche in Italien, die Kolonialfrage fungiert darüber hinaus auch als Maßstab für den Grad der Spaltung zwischen wichtigen katholischen Gruppierungen und ermöglicht damit die Untersuchung der allmählichen Nationalisierung des italienischen Katholizismus um die Jahrhundertwende, auf die das Projekt abzielt.