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Marginalisierung durch Historiographie. Werden, Entwicklung und Wirkung der Kategorie »Orthodoxie«

Wer gilt christentumsgeschichtlich wann warum als »Orthodoxer«? Genauer: Was gilt in der auf die Frühe Neuzeit bezogenen protestantischen Historiographie wann warum als »Orthodoxie«? Dies sind die Kernfragen, denen Christian Witt mit seinem Heisenberg-Projekt nachgehen will. Dabei möchte er Beobachtungen aufnehmen, die in der angloamerikanischen Forschung unter »Construction of Orthodoxy« firmieren.  Um es zusammenfassend zu sagen: »Orthodoxie« ist nicht von Anfang an als überzeitliches Faktum gesetzt, sondern religionsgeschichtlich ein Konstrukt, welches seinerseits nicht zuletzt als Abgrenzungs- und Marginalisierungsphänomen fungiert. So gehört die Reklamation der Rechtgläubigkeit religionsgeschichtlich hinein in die umfassenden diskursiven Ausmittlungsprozesse, in deren Verlauf sich eine bestimmte Richtung unter Ausgrenzung oder Marginalisierung anderer Strömungen durchzusetzen sucht. Als Legitimationsbasis für diesen Durchsetzungsprozess und für dessen erfolgreichen Verlauf wird der eigene Standpunkt eben als rechtgläubig, als »orthodox« bezeichnet. Christian Witt interessiert nun vor dem Hintergrund innerprotestantischer theologiegeschichtlicher Pluralisierungsprozesse konkret die Konstruktion der historiographischen Kategorie »Orthodoxie« im Kontext der deutschen protestantischen Kirchengeschichtsschreibung vom späten 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert.
 
Neben jenem konventionellen Begriffsgebrauch zur Bezeichnung des je eigenen religiösen oder konfessionellen Standpunkts wandelt sich der Terminus allerdings im Zuge theologie- und institutionengeschichtlicher Ausdifferenzierungsprozesse im späten 17. Jahrhundert zum pejorativen Kampfbegriff gegen bestimmte Gestalten lutherischer und reformierter Universitätstheologie. Entsprechend bedarf die Weiterentwicklung von »Orthodoxie« zum pejorativ-negativen Etikett für bestimmte als lebensfern und unfromm empfundene Formen protestantischer Universitätstheologie ebenso der Aufbereitung wie ihre Auswirkung auf den Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts. Dabei ist die gegenseitige Beeinflussung von Aufklärungsprogrammen und Semantik im Kontext historischer Kritik besonders zu berücksichtigen, in denen die Konstruktionslogik von »Orthodoxie« offengelegt wird. Anschließend ist der Eingang jener Kategorie in ihrer negativen Konnotation in die historisch-theologische Forschung des 19. Jahrhunderts und der begriffsgeschichtliche Weg bis in den theologischen Historismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hinein zu beleuchten. Denn dessen Vertreter führen schließlich einen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung und Beurteilung der »Orthodoxie« als einer Erscheinungsform des frühneuzeitlichen Protestantismus herbei und schaffen so die Voraussetzungen für die heutigen interdisziplinären Diskussionen rund um jene Kategorie.
 
Die dem Forschungsbereich »Pluralisierung und Marginalität« inhärente religionsgeschichtliche Perspektivierung, die ihrerseits Formen des Umgangs mit religiösen Ausschließlichkeitsansprüchen in den Blick nimmt, wird so exemplarisch entlang der skizzierten Fragestellung ausgeleuchtet – freilich eingedenk der Tatsache, dass im Kontext historisch-theologischer Forschung Begriffsgeschichte auch immer Institutionen- und Theologiegeschichte ist. Zu fragen bliebe angesichts der Erkenntnisanliegen des Forschungsbereichs dann nicht zuletzt, ob und – wenn ja – inwiefern protestantische Kirchengeschichtsschreibung seit dem späten 17. Jahrhundert tatsächlich zur Einhegung pluralisierungsdynamischer Differenzen und Konflikte beitragen konnte und wollte. Zudem erscheint die Frage interessant, ob sich Kosellecks Konzepte der »Semantischen Kämpfe«  und der »Asymmetrischen Gegenbegriffe« hier möglicherweise durch die historisch-theologische Perspektivierung der Fragestellung konkretisierend belegen oder modifizieren lassen.