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Forschungsprogramm (2018–2023)

Umgang mit Differenz in Europa

Im Forschungsprogramm der Jahre 2018 bis 2023 wird das Leitthema »Umgang mit Differenz in Europa« inhaltlich und methodisch weiterentwickelt. Das Ziel des IEG ist es, die epochenübergreifende Perspektive in allen Forschungsbereichen gleichermaßen umzusetzen, das Zusammenwirken verschiedener Differenzkategorien und ihre kontingente Hierarchisierung intensiver zu beachten und spezifische Dynamiken des Umgangs mit Differenzen anhand konkreter historischer Vorgänge und Problemlagen zu erfassen.

Das Leitthema ermöglicht zugleich, gegenwärtige Selbstbeschreibungen Europas und normativ aufgeladene Diagnosen historisch-kritisch zu prüfen. An die Stelle von deklamatorischen Feststellungen über Toleranz, Diversität oder Pluralismus als Charakteristika Europas treten damit die verschiedenen Formen, Akteure, Entwicklungen und Konjunkturen im zumeist konfliktbehafteten Umgang mit Differenz in Religion, Gesellschaft und Politik. Europa wird als ein Laboratorium für die Entwicklung von Formen der Regulierung und Begrenzung, aber auch der Herstellung und Bewahrung von Andersartigkeit und Ungleichheit aufgefasst. Die konfliktreiche Dynamik des Raumes »Europa« rührt aus den vielfältigen Interaktionen und Verstrickungen her, die zu Austausch, Aneignungen und Integration sowie zu Abgrenzung und Konfrontation auf dem Kontinent und jenseits seiner Grenzen führten.
 

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Das Forschungsprogramm 2018–2023 überführt bisherige Ergebnisse und Ansätze produktiv in neue zentrale Problemstellungen und wendet sie unter Einbezug bereits laufender Projekte auf neue Gegenstände an:

(1.) Die Forschungen der letzten Jahre haben freiwillige und erzwungene Marginalisierung von Individuen und Gruppen als eine spezifische Form des Umgangs mit Differenz aufgezeigt. Mit der Untersuchung des konfliktbehafteten Zusammenspiels von Pluralisierung und Marginalität will das IEG daher eine Kernfrage des europäischen Umgangs mit Differenz behandeln – welche Herausforderung Pluralität für das Streben nach Einheit bedeutet, unter welchen Umständen sich Wertschätzung von Vielfalt entwickelt oder abgelehnt wird und welche (aktive) Rolle eine Position der Marginalität spielt, für die am IEG unter anderem die »kulturelle Souveränität« als heuristischer Schlüssel entwickelt wurde.

(2.) In der Analyse von Schlüsselbegriffen wie »Humanität«, die dem differenzierenden Zugriff von Partikularinteressen enthoben werden sollen, hat sich die gesellschaftlich wirksame Dialektik der Sakralisierung und Desakralisierung handlungsleitender Vorstellungen gezeigt. Daran anschließend, untersucht das IEG in den nächsten Jahren die Wirkungsweise dieser Dialektik in anderen Feldern systematisch und diachron. Die Frage, wie »Sakralität« als verhandelbare Ressource zur Herstellung und Überbrückung von Differenz aktiviert oder aufgegeben wird, erscheint als ideale Sonde, um die Verflechtung von Religion, Politik und Gesellschaft sowie die Transformation zwischen den symbolischen, diskursiven und institutionalisierten Sphären des Sakralen und Nichtsakralen in einer innovativen Perspektive zu untersuchen.

(3.) Bisherige Forschungen im IEG entlang der übergreifenden Fragestellung zu Grenzen und Grenzüberschreitungen haben die Bedeutung von Mobilität, Grenzziehungen und – räumlichen, sozialen und ideellen – Transgressionen für individuelle und gruppenspezifische Prozesse herausgearbeitet. Die grundlegende Erkenntnis, dass Differenzerfahrungen in besonderem Maße durch Mobilität erfahrbar gemacht und reflektiert wurden, wird nun zum Gegenstand der Analyse. Die Forschungen sollen zeigen, wie transnationale und transkulturelle Grenzüberschreitungen auf religiöse, ethnische, kulturelle, soziale und geschlechtsspezifische Zugehörigkeitszuschreibungen einwirkten.

Das Forschungsprogramm für die Jahre 2018 bis 2023 bringt die am IEG vorhandenen interdisziplinären, epochenübergreifenden und europäisch orientierten Kompetenzen in drei Forschungsbereichen zusammen.