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Forschungsbereich 2

Bewältigung von Differenz: Vorstellungen von Humanität und humanitäre Praktiken

Der Forschungsbereich untersucht mit Vorstellungen von Humanität und humanitären Praktiken zentrale Konstruktionen und Handlungsweisen, mit denen die Vervielfältigung und Verstärkung von Differenzerfahrungen bewältigt werden sollten. Er thematisiert epochenübergreifend von der Frühen Neuzeit über das 19. Jahrhundert bis in die Zeitgeschichte die sich wandelnden Konzepte von Humanität mit ihren sozialen, religiösen und rechtlich-politischen Unterscheidungen, die sich in der Praxis ambivalent auswirkten. Damit werden zentrale Konflikte und Dilemmata sowohl der Humanitätsvorstellungen als auch des humanitären Handelns erforscht.

Wesentliche Entwicklungen prägten die Pluralisierung und Ideologisierung von Andersartigkeit und Ungleichheiten im Untersuchungszeitraum: der Übergang von der Ständegesellschaft zur Klassengesellschaft, die Debatte um Säkularisierung und Rekonfessionalisierung, die Unterscheidung von Natur und Kultur, die Entstehung von Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus. Dabei entstanden teilweise neue Differenzen, teilweise wurden bereits bestehende verschärft und ideologisiert. Auch die Ausdifferenzierung von Recht, Politik, Wirtschaft und Religion als eigenständige gesellschaftliche Funktionssysteme trug zur Pluralisierung von Differenzerfahrungen bei.

Die leitende Hypothese des Forschungsbereichs lautet: Mit der Bezugnahme auf die Menschheit als ideelle Personengesamtheit abstrahieren Humanitätsvorstellungen und humanitäre Praktiken einerseits von den genannten Differenzen bzw. versuchen letztere zu transzendieren. Andererseits bringen sie in der praktischen Anwendung neue Unterschiede hervor, etwa durch die Unterscheidung zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen oder durch gewaltsame Mittel humanitärer Intervention. Diesem Grundparadoxon der Generierung von Unterschieden durch eine Differenz überspannende Leitidee und den daraus resultierenden Ambivalenzen der zu untersuchenden Humanitätskonzepte und -praktiken gilt das besondere Augenmerk des Forschungsbereichs.

Zum einen waren es innereuropäische Prozesse, die zum Bedeutungszuwachs humanitärer Fragen und zur Ausdifferenzierung verschiedener Humanitätsverständnisse beitrugen. Zum anderen veränderte sich der Diskurs über Humanität in der Begegnung mit außereuropäischen Kulturen und trug zur Profilierung eines Humanitätsverständnisses bei, das als »europäisch« wahrgenommen wurde.

Im Forschungsbereich sind die folgenden Module und Projekte angesiedelt:

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1. Entstehung und Entwicklung humanitärer Normen

Das Modul fragt nach der ideengeschichtlichen Entstehung humanitärer Normen und ihrer praktischen Durchsetzung von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert im Spannungsfeld von Religion, Völkerrecht und Menschenrechten. Über gesellschaftliche Diskurse zu zentralen Themen wie der Sklaverei und dem menschlichen Leid im Krieg, so die zentrale Annahme, kam es über den Zeitraum von vier Jahrhunderten zur Herausbildung humanitärer Normen, die im 19. und 20. durch zivilgesellschaftliche Akteure propagiert und mit Hilfe militärischer und ziviler Mittel implementiert wurden.

a) Der Antisklavereidiskurs zwischen frühneuzeitlicher Kritik und Abolitionismus

b) Humanitäre Intervention, internationale Öffentlichkeit und die Internationalisierung humanitärer Normen im 19. Jahrhundert

c) Die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung als humanitärer Akteur

 

2. Humanität in Mission und »World Christianity«

Dieses Modul wurde zunächst von der Nachwuchsgruppe »Europabilder evangelischer Missionare« getragen. Sie untersuchte den Wertekosmos europäischer Missionare im Kontakt mit dem »Anderen« exemplarisch für die Indienmission im 18. Jahrhundert, für die Missionsbewegung im 19. Jahrhundert und die Neuausrichtung der Mission nach 1945, ergänzt durch vier Postdoc-Studien internationaler Fellows. Daran anknüpfend haben sich inzwischen zwei neue Projekte konstituiert, von denen sich das eine mit Menschenbildern in deutschsprachigen Missionszeitschriften, das andere mit europäischen Missionaren und humanitärem Handeln im Nahen Osten beschäftigt.
 

a) Transformation europäischer Wertvorstellungen im Kontakt mit dem Fremden – der Beitrag der evangelischen Missionsbewegung im 19. Jahrhundert

b) Menschen – Bilder – Eine Welt. Menschenbilder in Missionszeitschriften aus der Zeit des Kaiserreichs

c) Engaging Europe in the Arab World – European missionaries and humanitarianism in the Middle East



3. Humanitäres Engagement und Wohltätigkeit

Bis zur Aufklärung waren Vorstellungen von Humanität  in Europa vor allem religiös begründet. Der in der Praxis als hilfsbedürftig wahrgenommene Personenkreis umfasste in dieser Zeit in der Regel Angehörige der eigenen Religionsgemeinschaft bzw. Bewohner der Missionsgebiete. Seit dem 18. Jahrhundert kamen aber immer stärker auch säkulare Dimensionen hinzu. Im Laufe des 19. Jahrhunderts und im Zuge von Nationalismus und Zivilisierungsmission richtete sich wohltätiges Engagement auf neue Gruppen von Hilfsbedürftigen. Das Modul nimmt humanitäres Engagement und Wohltätigkeit, ihre Bedingungen und gesellschaftlichen Rückwirkungen von der Frühen Neuzeit bis zur modern-zivilgesellschaftlichen, transnational organisierten humanitären Hilfe im 20. Jahrhundert in den Blick.

a) Geschichte der Humanitären Hilfe im 19. und 20. Jahrhundert

b) Generationen von Shtadlanut und Zedakah: Die Wiener Hoffaktorenfamilie Wertheimer

c) Das »ferne Kind«: Religiöses Engagement und die Globalisierung von Familie, 1840–1930

d) Katholischer (Anti-)Imperialismus. Italiens katholische Presse und die europäische Expansionspolitik um 1900