Der Partito Comunista Italiano (PCI) war nach 1945 die größte kommunistische Partei Westeuropas und zugleich einer der stärksten, wenn nicht der stärkste parteikommunistische Unterstützer antikolonialer Befreiungsbewegungen. Diese reichen Beziehungen der Partei zur dekolonisierten Welt werden im Forschungsprojekt aus der besonderen, oft übersehenen jüdischen Perspektive untersucht.
Juden waren in die Auslandspolitik des PCI teils unmittelbar involviert, teilweise bezogen sie öffentlich und kritisch Stellung zu ihr. Anhand ausgewählter Lebenswege, die den Mittelmeerraum – sowohl Tunesien, Algerien als auch Italien – überspannen, soll der jüdischen Erfahrung in den Kolonien, den antikolonialen Kämpfen und den Dekolonisierungsprozessen der Nachkriegszeit besondere Aufmerksamkeit zukommen. Ausgangspunkt ist die Zeitschrift L’Italiano di Tunisi (Der Italiener von Tunis), die von 1936 bis 1940 in Tunis erschien. Um jene antifaschistische Zeitung sammelte sich ein Netzwerk junger Aktivisten ähnlicher Herkunft – darunter die Geschwister Loris, Nadia und Ruggero Gallico, Maurizio Valenzi und Ferruccio Bensasson. In ihren Biografien spiegeln sich jüdische und italienische Bezüge zum Kolonialismus und zur Entkolonialisierung auf vielfältige Weise wider. Sie alle hatten jüdische und italienische Wurzeln. Ihre Vorfahren waren aus unterschiedlichen Gründen in das Land gekommen: teils in der Hoffnung, wirtschaftlich aufzusteigen, teils, um als Anhänger des Risorgimento staatlicher Repression zu entfliehen. Während ihre Familien der europäischen, kolonialen Elite des Landes angehörten, sympathisierten die jungen Antifaschisten mit der antikolonialen Bewegung. Zur gleichen Zeit schlossen sie sich zudem der Kommunistischen Partei Tunesiens an und kamen hier in engen Kontakt mit der arabischen Bevölkerung des Landes. Durch Vichy-Frankreich interniert und während der deutsch-italienischen Besatzung verfolgt und untergetaucht, gingen sie nach der Befreiung durch die Alliierten 1943/44 nach Italien.
Hier führten sie ihr Engagement in der Kommunistischen Partei fort, nun aber als Funktionäre des PCI. Als solche blieben sie den antikolonialen Bewegungen, insbesondere Nordafrikas, eng verbunden – sei es als vom PCI entsandte Vertreter in den dekolonisierten Staaten, als führende Mitarbeiter des Auslandsbüros der Partei, als Auslandskorrespondenten der Parteizeitung L’Unità oder als antiimperialistischer und antikoloniale Denker.
An die Lebenswege der italienisch-jüdischen Parteikommunisten werden folgende Forschungsfragen gestellt: Welche Erfahrungen trugen dazu bei, dass sie sich Zeit ihres Lebens für die Beziehungen zu den dekolonisierten Staaten einsetzten? Inwiefern beeinflusste der familiäre Hintergrund der Protagonisten ihr Engagement für die Partei? In welchem Zusammenhang standen ihr Antifaschismus, ihr Kommunismus und ihr Antikolonialismus, auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der politischen Neuordnung der mediterranen Welt? Zur Beantwortung jener Fragen wird das Projekt auf Unterlagen des Parteiarchivs der Fondazione Gramsci, auf Privatnachlässe, politische und autobiografische Schriften der Funktionäre sowie auf Zeitungs- und Zeitschriftenartikel aus der kommunistischen Presse zurückgreifen.
- Moritz Schmeing (IEG)