Konfessionskonflikt und Herrschaftsordnung
Die komparatistisch angelegte Studie, die im Herbst 2003 von der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn als Habilitationsschrift angenommen wurde, untersucht Praxis und Theorie des adlig-ständischen Widerstands gegen die zunehmend als tyrannisch empfundene Rekatholisierungspolitik der Habsburger in den beiden mehrheitlich protestantischen Territorien Ober- und Niederösterreich. Der Widerstand, der in Gehorsamsentzügen, Huldigungsverweigerungen und der Bildung von Konföderationen mit den böhmischen und ungarischen Ständen, aber auch in symbolischen Handlungen wie Kniefällen den deutlichsten Ausdruck fand, nahm ab 1550 tendenziell zu und erreichte zwischen 1608 und 1620 seinen Höhepunkt. Nach der Besetzung Oberösterreichs durch die Truppen der katholischen Liga und der Niederlage der Ständeopposition in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 wurde er rasch schwächer.
Die Analyse der politischen Kommunikation zwischen Landesfürst und Ständen über die Legitimität des Widerstands legt fundamentale Denkmuster, Wertvorstellungen und Normen offen, die alle Beteiligten trotz der konfessionspolitischen Spaltung in einem Grundkonsens anerkannten und die deshalb tragende Säulen der Herrschaftsordnung bildeten: Vertragstheorie, altes Herkommen, Gemeinwohl, das Recht auf Gegenwehr und Notwehr sowie das Bild des Gemeinwesens als Körper oder Familie. Ihre unterschiedliche Interpretation erlaubte die Konstruktion gegensätzlicher Herrschaftsmodelle, um deren Akzeptanz Landesfürst und Stände in langwierigen Verhandlungen rangen. Dabei werden zeitgenössische Wahrnehmungen der Herrschaftsordnung und ein Verfassungswandel jenseits zeitfremder Analysekategorien wie “Absolutismus”, “Dualismus” und “Ständestaat” sichtbar.