Back

Humanitäre Hilfe und Interessenpolitik

Michael Vössing, Humanitäre Hilfe und Interessenpolitik (2018) (IEGV 251)
Michael Vössing

Humanitäre Hilfe und Interessenpolitik

Westdeutsches Engagement für Vietnam in den 1960er und 1970er Jahren
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz, 251: Abt. Universalgeschichte
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2018
ISBN: 978-3-525-30193-7

Humanitären Notlagen im Ausland begegnen Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland regelmäßig mit umfangreichen Hilfsmaßnahmen. Humanitäre Hilfe ist dabei das Ergebnis des Zusammenspiels von unterschiedlichen Akteuren: Bundesregierung, in der Auslandshilfe aktive Wohlfahrtsverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen sowie schließlich die spendenwillige Bevölkerung kooperieren in unterschiedlichen Konstellationen und gestalten so gemeinsam ein Politikfeld der Außenbeziehungen der Bundesrepublik Deutschland.

Dieses Politikfeld in seiner heutigen Form hat seinen Ursprung in der westdeutschen humanitären Hilfe für Vietnam während des “amerikanischen Kriegs” (1965-1973). Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erhielten zivile Opfer der Kämpfe in Südvietnam, auch in den vom Vietkong kontrollierten Gebieten, sowie im sozialistischen Nordvietnam umfangreiche Hilfsleistungen aus der Bundesrepublik Deutschland.
Das zeithistorische Werk zeichnet erstmals anhand umfangreicher, größtenteils bisher nicht veröffentlichter Quellen die gesamte humanitäre Hilfe nach, die die Bundesregierung, die Wohlfahrtsverbände, neu aufgekommene Hilfsorganisationen wie terre des hommes sowie die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg in unterschiedlichen Konstellationen für die zivilen Opfer des Vietnamkriegs leisteten. Im Rahmen der Hilfe wurde beispielsweise ein Hospitalschiff nach Saigon entsandt, ein SOS-Kinderdorf in Südvietnam errichtet, ein Krankenhaus in Nordvietnam aufgebaut oder kranke und verletzte Kinder aus Vietnam zur Heilung oder Adoption in die Bundesrepublik verbracht. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure verlief dabei nicht ohne Konflikte – gerade diese Kooperationen und Konfrontationen ließen aber auch die Begründungsmuster, Instrumente und Verfahren entstehen, auf die angesichts folgender Notlagen wie in Biafra aufgebaut werden konnte und die humanitäre Hilfe der Bundesrepublik Deutschland bis heute prägen.

Facing the suffering of civilians in North and South Vietnam and against the background of the global Cold War and of the social and cultural changes in West Germany, the Federal Republic of Germany gave important humanitarian aid to all parts of Vietnam between 1965 and 1973. On the basis of mostly unpublished sources, the present book analysis the complete humanitarian efforts provided by the West German Government, by the traditional welfare organizations (like the German Red Cross Society), by newly founded private aid agencies (like terre des hommes) and by the anti-war protest movement. The aid projects, for instance maintaining an hospital ship in Da Nang or constructing an hospital in the North Vietnamese Vinh Linh district, resulted from different interplays, both co-operations and confrontations, of the West German humanitarian actors.

It is the central thesis of the present book that the analyzed forms of interactions to provide aid to Vietnam not only rendered possible one of the largest humanitarian engagements of the West German society but also initiated and institutionalized international humanitarian aid as a new political field of West German foreign relations.

Michael Vössing, Humanitäre Hilfe und Interessenpolitik (2018) (IEGV 251)