Die Vereinnahmung von Wissenschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft und in der DDR hat dazu geführt, dass in der jungen Bundesrepublik nach 1949 ebenso wie im vereinigten Deutschland nach 1989 Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten gegründet wurden. Ziel war es, die jeweiligen Formen der Vereinnahmung aufzuarbeiten und die Wissenschaft neu auszurichten. Dies galt insbesondere für die geisteswissenschaftliche und historische Forschung. Auch das Institut für Europäische Geschichte (IEG) wurde 1950 als ein außeruniversitäres Forschungsinstitut in Mainz gegründet.
Erstmals hat sich im vergangenen Jahr eine Tagung des Leibniz-Forschungsverbundes „Wert der Vergangenheit“ am IEG in Mainz kritisch mit der Gründung und Entwicklung einiger dieser außeruniversitären Einrichtungen beschäftigt (hier ein Tagungsbericht). Die Ergebnisse der Tagung sind jetzt in einer Blogserie mit fünf Beiträgen nachzulesen, erschienen auf dem Blog Value of the Past des Leibniz-Forschungsverbundes.
In dem einleitenden und übergreifenden Beitrag zur Blogserie gehen die beiden IEG-Mitarbeiter Joachim Berger und Gregor Feindt auch auf die Anfangsjahre des IEG ein, das 1950 gegründet wurde, um die Geschichtsbücher von nationalistischen „Vorurteilen“ zu „entgiften“ und künftige Generationen in einem „europäischen Geschichtsbewusstsein“ zu erziehen. Der Begriff „Europa“ habe hier zunächst vorwiegend zur wissenschaftspolitischen Legitimation der Institutsgründung gedient; ab Ende der 1950er-Jahre habe er jedoch schon nicht mehr programmatisch im Zentrum gestanden. Erst in den 1990er-Jahren sei er im Zuge der Osterweiterung der EU als normative Orientierung zurückgekehrt, die seit den 2010er-Jahren um globale Perspektiven erweitert worden sei.
Zudem sei die Rede von der Überwindung nationalistischer „Vorurteile“ und konfessionalistischer „Spannungen“ am IEG ein Modus gewesen, um in den 1950er-Jahren über die deutsche „Katastrophe“ zu sprechen, ohne dabei Fragen kollektiver Verantwortung und individueller Schuld (auch der leitenden Wissenschaftler) diskutieren zu müssen. Die deutschen Verbrechen und die totale Niederlage des Deutschen Reichs seien auf diese Weise in einer allgemeinen „Krise der abendländischen Kultur“ aufgelöst worden.
Vor diesem Hintergrund kommen die beiden Autoren zum Ergebnis, dass die Forderung nach einer Neuausrichtung der historischen Forschung nach 1945 nur partiell erfüllt worden sei – ein Problem, das sich auch in anderen Instituten zeige, die in der Nachkriegszeit gegründet wurden.
Die Blogserie behandelt darüber hinaus eine Reihe weiterer Forschungseinrichtungen, die heute allesamt zur Leibniz-Gemeinschaft gehören. Die Autoren und Autorinnen nehmen dabei besonders die Gründungsgeschichten der jeweiligen Institute unter die Lupe. Neben der Gründung des Herder-Instituts in Marburg 1950 sowie der Gründung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim 1964, werden auch die Gründung des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und die Gründung des Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig in den 1990er Jahren dargestellt. Die Autorinnen und Autoren zeichnen dabei nach, dass die Ausrichtung bei den neu nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Instituten starkem Wandel unterlag, wohingegen die Gründung von ZZF und GWZO auf die Abwicklung der „Akademie der Wissenschaften“ aus DDR-Zeiten folgte. Insofern stellen letztere eine besondere akademische Episode der deutsch-deutschen Geschichte dar.
Eine kurze Zusammenfassung der Blogserie finden Sie auf dem IEG-Blog.