Kampf um Wort und Schrift
Seit Beginn der Neuzeit expandierte das Moskauer Fürstentum gen Westen und Süden. Zu Zeiten der Romanov-Dynastie umfasste Russland weite Gebiete mit überwiegend nichtrussischer und konfessionell heterogener Bevölkerung. Nach den Teilungen Polens sowie der Eroberung des Kaukasus und Zentralasiens im 18./19. Jahrhundert erhielt das Zarenreich Kontrolle über weitere alte Kulturräume, die es im Zuge der Kolonialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu assimilieren versuchte. Diese Versuche erfolgten nicht zuletzt mittels der Sprachpolitik: Polnisch, Ukrainisch und Litauisch wurden verboten, das Russische sollte im Bildungs- und Behördenwesen im gesamten Imperium dominieren.
Auch zu Sowjetzeiten lässt sich eine Kontinuität dieser Sprachpolitik Moskaus nachzeichnen. Nach einer kurzen liberalen Politik der “Verwurzelung” unter Lenin kam es unter Stalin zu einer forcierten Russifizierung, die sich zwar ohne Terrormaßnahmen, jedoch mit vergleichbarem Eifer unter Chruščev, Černenko und Andropov fortsetzte. Erst unter Gorbačev wurde die sowjetische Sprachpolitik im Zuge der Perestrojka öffentlich kritisiert und die einzelnen Republiken konnten durch neue Gesetze ein Aussterben der lokalen Sprachen verhindern.