Wie aus einer kleinen tschechischen Schuhfabrik ein Weltmarktführer wurde – Ein Leben im Rhythmus einer Fabrik
Christiane Kormann spricht in der neuen Folge des Podcasts Epochal mit dem früheren IEG-Mitarbeiter Gregor Feindt darüber, wie ein kleines Schuhunternehmen aus der Tschechoslowakei zum Imperium wurde und dabei Menschen formte, politische Systeme überlebte und eine ganze Stadt prägte. Grundlage des Gespräches ist Feindts Buch „Baťas Menschen. Rationalisierung, social engineering und Differenzierung in der tschechoslowakischen Unternehmensstadt Zlín, 1918–1948“ das erstmals die Belegschaft ins Zentrum der Betrachtung des Unternehmenserfolgs stellt.
Was als kleines Schuhgeschäft in Zlín begann, wurde zu einem globalen Imperium und zu einem sozialen Experiment. Das tschechische Unternehmen Baťa, 1894 gegründet von Tomáš Baťa und seinen Geschwistern, revolutionierte nicht nur die Schuhproduktion, sondern auch das Leben seiner Beschäftigten. Mit dem Versprechen von Wohlstand, Bildung und sozialem Aufstieg lockte Baťa Tausende in die Fabriken. Doch der Preis dafür war hoch: Der Alltag der „Baťa-Menschen“ wurde bis ins Private hinein rationalisiert, kontrolliert und gestaltet.
Schnell stellt sich heraus: Baťa war mehr als ein Arbeitgeber, es war ein Lebensmodell. Die Mitarbeitenden wurden nicht nur ausgebildet, sondern auch sozialisiert. Von der Werkbank über den Karriereweg bis hin zur Wohnungspolitik und Freizeitgestaltung – das Unternehmen übertrug seine Produktionslogik auf das menschliche Leben und schuf damit eine neue Art von Menschen, den „Bata Menschen“. Doch diese Rationalisierung hatte auch Schattenseiten. Privatleben, Familie und auch die eigene Freizeit wurden Teil des Unternehmenskonzepts. Feindt zeigt in seinem Buch, wie Baťa seine Belegschaft differenzierte und wie sich diese Strukturen über Generationen hinweg verfestigten. Wer war im System erfolgreich? Wer blieb außen vor? Und wie erlebten Frauen diese Welt?
Das Schuhunternehmen durchlebte zwei der größten politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts und überlebte beide. Von der Habsburgermonarchie über die erste Tschechoslowakische Republik, die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg bis hin zum Staatssozialismus – Baťa passte sich an, ohne seine Kernprinzipien aufzugeben. Wie gelang das? Und welche Rolle spielten die „Baťa-Menschen“ dabei? Christiane Kormann und Gregor Feindt analysieren, wie das Unternehmen nicht nur seine Produkte, sondern auch seine Personalpolitik und sozialen Strukturen an die jeweilige politische Realität anpasste. So zeigt sich die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens und sein Anspruch, mehr zu sein als nur eine Fabrik.
Zudem gehen Kormann und Feindt der Frage nach, ob Baťa ein Vorreiter sozialer Gerechtigkeit oder ein Pionier des betrieblichen Kontrollapparats war. Diese Ambivalenz ist auch wichtig im Hinblick auf Baťas Erbe. Was können wir heute von diesem Sozialexperiment lernen? Und was lehren uns seine Grenzen? Hören Sie rein – und entscheiden Sie selbst.
Hier die Podcastfolge hören: Epochal – Podcast des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (IEG)
Mehr zum Podcast auch auf dem IEG-Blog: Wie aus einer kleinen tschechischen Schuhfabrik ein Weltmarktführer wurde
Epochal ist der Podcast des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (IEG). Jeden ersten Dienstag im Monat erscheint eine neue Folge.
Gast und Autor: Gregor Feindt
Baťas Menschen. Rationalisierung, social engineering und Differenzierung in der tschechoslowakischen Unternehmensstadt Zlín, 1918–1948
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz, Band 275
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Open Access: https://doi.org/10.13109/9783666371097