Mit dem englischsprachigen Sammelband über Entmystifizierung des Heiligen, über Blasphemie und Gewalt von der Französischen Revolution bis heute legen IEG-Mitarbeiterin Eveline G. Bouwers und David Nash, Oxford Brookes University, eine bislang weltweit ausstehende Analyse vor: die starke Verbindung zwischen Verstößen gegen das Heilige und verschiedenen Formen von Gewalt. Die untersuchten Fälle reichen vom revolutionären Frankreich bis zum Russland Wladimir Putins.
Die internationalen Autor:innen stellen das Wesen und die Wirkung lokaler Blasphemievorwürfe, ihren historischen und rechtlichen Rahmen sowie die physische und symbolische Gewalt, die sie begleiteten, dar. Sie arbeiten heraus, wie Blasphemie und die damit zusammenhängenden Handlungen der Ketzerei, Apostasie und des Sakrilegs mit physischen Handlungen einhergingen oder sie auslösten. Gleichzeitig, so Bouwers, wurden blasphemische Aktionen selbst auch als Gewalt erfahren. Die Bedeutung religiöser Gefühle in der modernen Gesellschaft und das gewalttätige Potenzial, das in der Kritik oder Verspottung des Heiligen und des Weltlichen gleichermaßen steckt, wird offenkundig.
Religiöse Vergehen der Blasphemie seien, sagt Bouwers, oft unterstellt worden um politische Gegner zu diffamieren. Religion sei eine „Kontrastfolie für die Entwicklung und Austragung von säkularen Ordnungsvorstellungen.“ Bouwers sieht Verbindungen zu Gewaltakten in Reaktion auf vermeintliche Gotteslästerungen während der letzten Jahren: Das Attentat auf die Redaktion der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo und die Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty oder auch der neuerliche Mordversuch an Salman Rushdie: Sie alle seien Beispiele dafür, wie Menschen mit einem bestimmten Religions- oder Gesellschaftsbild als Gotteslästerer dargestellt wurden mit dem Ziel sie (buchstäblich) zum Schweigen zu bringen.
Über den Mordversuch an Salman Rushdie schreibt IEG-Mitarbeiter Manfred Sing im Sammelband. Indem er die Hintergründe der „Rushdie Affäre“ erörtert, zeigt er, dass die sogenannte Fatwa vor allem der Politik des damaligen iranischen Führers diente und bei Weitem nicht der Regel einer Fatwa entsprach.
Über Salman Rushdie sei eine Fatwa verhängt worden, sagt Sing, „so als sei es das Normalste der Welt, dass im Islam Blasphemie oder Glaubensabfall mit dem Tode bestraft werde […]“ Das sei natürlich Unsinn, sagt Sing im Interview weiter.
Als anderes Beispiel beleuchtet der Beitrag von Marcin Składanowski die Religionspolitik Vladimir Putins. Nach seinen Erkenntnissen würden die Gläubigen in Russland anders geschützt als Nicht-Gläubige. Er zeigt die Bedeutung der Russischen Orthodoxen Kirche für die Selbstdarstellung von Putins Russland.
Dagegen untersucht der Beitrag von Christoffer Leber auf die Bekämpfung von Häresie und Blasphemie im pätwilhelminischen Deutschland, einige Jahre nachdem im Strafgesetzbuch der Gotteslästerungsparagraphen aufgenommen wurde, der bis heute für Diskussionen sorgt.
Mit der Pressemitteilung werden Interviews mit Eveline Bouwers und Manfred Sing versendet. Gerne stehen Beide als Interviewpartner für weitere Fragen zur Verfügung und wir stellen den Kontakt her.
Kontakt: Dr. Eveline Bouwers, +49 (0)6131 39 393 45, bouwers@ieg-mainz.de, Dr. Juliane Schwoch, +49 (0)6131 39 393 43, schwoch@ieg-mainz.de