Mainz, 12.08.2026 – Wie entstand Europa jenseits von Politik und Wirtschaft? Die Historikerin Ruth Nientiedt zeigt in ihrer neuen Studie, dass auch kirchliche Netzwerke zum grenzüberschreitenden Zusammenwachsen Europas beitrugen. Am Beispiel der altkatholischen Kirchen der Utrechter Union eröffnet sie neue Einblicke in die Geschichte zivilgesellschaftlicher europäischer Integration.
Trotz politischer Spannungen und gesellschaftlicher Umbrüche in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die kirchlichen Beziehungen der altkatholischen Kirchen über nationale Grenzen hinweg bestehen. Alle Ebenen der kirchlichen Arbeit, von der Organisation internationaler Foren, über den Aufbau institutioneller Strukturen und persönlicher Netzwerke, trugen dazu bei, zivilgesellschaftlichen Austausch aufrechtzuerhalten und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Hierbei prägten auch einzelne Personen aus diesen Kontexten das innereuropäische Miteinander über Jahrzehnte.
Anhand von drei Fallbeispielen zeigt die Autorin, welche Rolle altkatholische Netzwerke für zivilgesellschaftliche europäische Integrationsprozesse spielten:
Im Mittelpunkt stehen dabei die Bemühungen tschechoslowakischer Altkatholiken um einen engeren Kontakt zur Bischofskonferenz, die internationale Arbeit altkatholischer Frauenverbände sowie länderübergreifende Aktionen altkatholischer Jugendverbände.
Dieser vielseitige Austausch umfasste sowohl kirchenpolitische und ökumenische Fragen als auch Debatten über das Selbstverständnis der Utrechter Union und die Rolle von Frauen in der . Daneben spielten informelle Begegnungen, etwa bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie Skifahren oder Segeln, eine wichtige Rolle für den Aufbau und die Pflege transnationaler Beziehungen. Ruth Nientiedt macht deutlich, dass den vielfältigen Formen der Vernetzung die Überzeugung zugrunde lag, Kirchen seien zur Zusammenarbeit berufen und könnten so zur Verständigung, Frieden und Stabilität in Europa
Zur Autorin
Dr. Ruth Nientiedt ist Mitglied im Internationalen Arbeitskreis für Altkatholizismusforschung, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn, sowie Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dortmund e.V.
NEUERSCHEINUNG „Gelebtes Europa. Die innereuropäischen Beziehungen der altkatholischen Kirchen der Utrechter Union 1945 bis 1989“.
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Band 276, 1. Auflage 2026, 436 Seiten, gebunden, Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN: 978-3-525-31180-6, Open Access: https://doi.org/10.13109/9783666311802.
Zum IEG
Das IEG ist ein selbstständiges außeruniversitäres Forschungsinstitut in Mainz. Seine Aufgabe ist die wissenschaftliche Erforschung der europäischen Geschichte. Es erfüllt diese Aufgabe durch Einzel- und Gemeinschaftsvorhaben seiner Beschäftigten sowie der in- und ausländischen Forschungsstipendiatinnen und -stipendiaten. Seit 2012 ist das Institut Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.
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