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Forschungsprogramm (2018–2023)

Umgang mit Differenz in Europa

Das Leitthema des seit 2012 bearbeiteten Forschungsprogramms lautet »Umgang mit Differenz im Europa der Neuzeit«. Es setzt den in der Satzung des Instituts festgehaltenen Auftrag, die Traditionen, Wandlungen und Krisen insbesondere der religiösen, politischen und gesellschaftlichen Differenzierungen und ihre Wirkungen in Europa zu erforschen, in ein abteilungsübergreifendes Forschungsprogramm unter aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen um. Es ermöglicht zugleich, gegenwärtige Selbstbeschreibungen Europas und normativ aufgeladene Diagnosen historisch-kritisch zu prüfen. An die Stelle von deklamatorischen Feststellungen über Toleranz, Diversität oder Pluralismus als Charakteristika Europas treten damit die verschiedenen Formen, Akteure, Entwicklungen und Konjunkturen im zumeist konfliktbehafteten Umgang mit Differenz und die Prozesshaftigkeit von Differenzierungen. Europa wird als ein Laboratorium für die Entwicklung von Formen der Regulierung und Begrenzung, aber auch der Herstellung und Bewahrung von Andersartigkeit und Ungleichheit aufgefasst. Die konfliktreiche Dynamik des Raumes »Europa« rührt aus den vielfältigen Interaktionen und Verstrickungen her, die zu Austausch, Aneignungen und Integration sowie zu Abgrenzung und Konfrontation auf dem Kontinent und jenseits seiner Grenzen führten.

Das Leitthema »Umgang mit Differenz im Europa der Neuzeit« wird seit 2018 in einer zweiten Phase mit neuen Schwerpunkten fortgesetzt, die jeweils epochenübergreifend angelegt sind und die Herstellung von Differenzen, das Zusammenwirken verschiedener Differenzkategorien sowie ihre kontingente Hierarchisierung verfolgen.
 

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Mit der Untersuchung des konfliktbehafteten Zusammenspiels von Pluralisierung und Marginalität behandelt das IEG erstens, welche Herausforderung Pluralität für das Streben nach Einheit bedeutet und unter welchen Umständen sich Wertschätzung von Vielfalt und Vielheit entwickelte oder abgelehnt wurde. Zudem verfolgen die Projekte, wie Individuen und Gruppen in eine marginale Position gerieten bzw. diese gezielt für ihre Anliegen einsetzen konnten und wie bestimmte Akteure das Mandat beanspruchten, für marginalisierte Gruppen Fürsprache und Anwaltschaft zu leisten.

Zweitens geht das IEG der gesellschaftlich wirksamen Dialektik der Sakralisierung und Desakralisierung handlungsleitender Vorstellungen nach und fragt, wie »Sakralität« als verhandelbare Ressource zur Herstellung und Überbrückung von Differenz aktiviert oder aufgegeben wurde. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Differenzerfahrungen in besonderem Maße durch Mobilität erfahrbar gemacht und reflektiert wurden, analysiert das IEG drittens die Bedeutung von Mobilität und – räumlichen, sozialen und ideellen – Transgressionen für individuelle und gruppenspezifische Prozesse und untersucht, wie transnationale und transkulturelle Grenzüberschreitungen auf religiöse, ethnische, kulturelle, soziale und geschlechtsspezifische Zugehörigkeitszuschreibungen einwirkten.

Im Lauf der gemeinsamen Arbeit in den Forschungsbereichen werden die disziplinären Erkenntnisinteressen aus den beiden Abteilungen zunehmend miteinander verzahnt und Impulse aus dem neuen Bereich Digitale Historische Forschung | DH Lab aufgenommen. Dieser wurde 2019 im Rahmen einer sogenannten kleinen strategischen Erweiterung eingerichtet. Ziel ist es, digitale Verfahren und Instrumente im Sinn von »embedded digital humanities« systematisch in die wissenschaftliche Arbeit des IEG und seiner Forschungsbereiche einzubeziehen. Zudem sollen die gemeinsame Nutzung und Nachnutzung digitaler Forschungsdaten und deren Integration in Open-Access-Publikationen vorangetrieben werden.
Dem Transfer der Forschungsperspektiven und Projektergebnisse in eine breitere Öffentlichkeit dient die Querschnittspublikation Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa. Sie widmet sich solchen »Orten«, in denen sich exemplarisch der vielfältige und konfliktreiche Umgang mit Differenz in der Geschichte Europas verdichtet. Die Artikel zeigen die Herstellung von Differenzen, den häufig konfliktbeladenen Umgang damit und die Strategien, die entwickelt wurden, um diese Konflikte zu befördern, abzumildern oder zu beseitigen. Bis 2023 wird das Angebot um weitere »Ortstermine« aus den laufenden und neu begonnenen Forschungsprojekten am IEG ergänzt.