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Erklärung des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (IEG) Mainz zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine


Wir, das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, sind bestürzt angesichts der Nachrichten, die uns aus der Ukraine erreichen. Allein in den letzten Jahren waren zehn ukrainische Historiker:innen für längere Forschungsaufenthalte an unserem Institut zu Gast. Heute müssen wir um ihr Leben und das ihrer Familien und Freunde fürchten. Unsere Gedanken sind bei ihnen. Wir sind mit Euch! Ми з вами!

Wir verurteilen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Vladimir Putins gegen die Ukraine auf das Schärfste. Unser Institut wurde vor mehr als 70 Jahren gegründet, um durch die Erforschung der historischen Grundlagen Europas zur Überwindung der Spaltungen Europas beizutragen. In den Zeiten des Kalten Krieges war es u.a. Ort der „deutsch-sowjetischen Historikergespräche“. Heute schmerzt es uns zu sehen, dass im Herzen Europas ein brutaler Krieg geführt wird.

Die mühsam erreichten Grundlagen einer friedlichen, auf die Zukunft ausgerichteten Ordnung in Europa werden von Putin – nicht zum ersten Mal – mit Füßen getreten. Umso bewundernswerter ist es, dass auch in Russland mutige Menschen auf die Straße gehen und „Nein dem Krieg“ sagen. Нет войне!

Die Ukraine ist fundamentaler Bestandteil der europäischen Geschichte. In der Geschichtswissenschaft ist es unstrittig, dass die Ukraine ein souveränes europäisches Land mit eigener Geschichte ist und nicht bloß Anhängsel des historischen oder gar eines zukünftigen russischen Imperiums. Als Historiker:innen treten wir besonders der Instrumentalisierung und Verfälschung von Geschichte entgegen, die Putin zur Begründung seiner militärischen Aggression gegen die Ukraine dienen. Die Gemeinschaft der Wissenschaft, u.a. die deutsch-ukrainische Historikerkommission, hat diese falschen Behauptungen im Detail zurückgewiesen [Erklärung 24.02.22 und Erklärung 22.02.2022, siehe Links unten]. Wir fügen hinzu, dass es kein Widerspruch ist, dass die Ukraine sowohl eng mit der russischen Geschichte, Kultur und Religion verflochten ist als auch im historischen Austausch mit der Mitte und dem Westen Europas steht, nicht zuletzt mit Deutschland. Die Ukraine ist ein multiethnisches und kulturell diverses Land, mit unterschiedlichen Konfessionen und Religionen, vielfältigen Sprachen und einem reichen historischen Erbe. Die Unterschiedlichkeiten in der Geschichte Europas sind Teil unseres Forschungsauftrags. An kaum einem Land werden Vielfalt und wechselseitiger Austausch in Europa so deutlich wie an der Ukraine.

Diese europäische Geschichte der Ukraine muss auch in Zukunft ohne politische Vorgaben und Einschränkungen erforscht werden. Deshalb unterstützen wir Initiativen für gefährdete Forscher:innen aus der Ukraine, um ihnen ihre Arbeit an einem sicheren Ort zu ermöglichen und Gehör zu verschaffen. Wir sind mit Euch! Ми з вами!

Mainz, 26. Februar 2022
Kontakt: Prof. Dr. Johannes Paulmann (paulmann@ieg-mainz.de) und Dr. Gregor Feindt (feindt@ieg-mainz.de)

Zum IEG: Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut in der Leibniz-Gemeinschaft. Es betreibt und fördert Forschungen zur europäischen Geschichte von der Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte in vergleichender oder grenzüberschreitender Perspektive.