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Sakralisierung und Desakralisierung

Sakralisierung und Desakralisierung

In den gegenwärtigen »postsäkularen« Konstellationen tritt die Lebendigkeit religiöser Phänomene oder solcher, die religionsähnliche Strukturen und Erscheinungsformen entwickeln, plastisch hervor. Deren Produktivität verleiht historischen Analysen von »Sakralisierungen« und »Desakralisierungen« besondere Bedeutung. Die Untersuchung derartiger Prozesse ermöglicht es, den Wandel von grundlegenden Wertvorstellungen und deren gesellschaftliche Funktion zu analysieren: Unter »Sakralisierungen« werden symbolische Prozesse verstanden, durch die Dinge, Personen und Ideen als unverfügbare und unveränderliche Instanzen kommuniziert werden und folglich Anerkennung im Sinn von subjektiver Evidenz und affektiver Intensität fordern. Als »Desakralisierungen« kommen dementsprechend solche Prozesse in den Blick, durch die sakralisierte Instanzen ihren Status verändern oder einbüßen. Als symbolische, rituelle und diskursive Handlung verstanden ermöglicht es diese Heuristik, eine essentialisierende Unterscheidung von außerweltlich-religiös konnotiertem »Heiligen« zu einem innerweltlich-säkularen »Profanen« zu überwinden und stattdessen diese Unterscheidung selbst als Akt von »Sakralisierung« bzw. »Desakralisierung« zu begreifen.

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In religionsgeschichtlicher Perspektive sind »Sakralisierungen« vor allem mit Ritualisierungen, der Ausbildung eines Kanons autoritativer Texte, der Verehrung von Bildern und Gegenständen sowie in einem weiteren Sinne mit der Formulierung von Dogmen oder der Aufstellung von religiös-moralischen Verhaltensregeln gegeben. Solche »Sakralisierungen« können in allen Epochen und allen Religionen Vergemeinschaftungsprozesse anleiten, die sich über Sakralitätsvorstellungen und Sakralisierungspraktiken definieren. Als »Desakralisierungen« sind zum einen religionsimmanente Umformungen zu analysieren, wie sie etwa mit der europäischen »Aufklärung« verbunden sind: In ihr wird im Namen eines vernunftorientierten Zugangs nicht nur die Entwicklung der neuzeitlichen Religionskritik eingeleitet, sondern auch eine Zurückstellung der Lehre hinter die Moral befördert, und zwar bis hin zu deren Sakralisierung. Sodann kommen desakralisierende Auswirkungen religionsexterner Entwicklungen als Untersuchungsfeld in Frage. Die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft führt einerseits zur »Desakralisierung« der Welt, um andererseits diesen Wissenschaften, denen man nun eine »letztinstanzliche« Autorität zuschreibt, eine Aura des Sakralen zu verleihen. Themenfelder aus religionsgeschichtlicher Perspektive sind erstens die historische Kritik »Heiliger Schriften«, zweitens das sich wandelnde Verhältnis zwischen Religion und Naturwissenschaft seit der Aufklärung, drittens die Entwicklung neuer Religionen und religiöser Bewegungen (bspw. Pfingstkirchen, freikirchliche Gemeinden, Anthroposophismus) in Europa sowie viertens – komplementär zur Geschichtswissenschaft – die religiöse Deutung politisch-militärischer Auseinandersetzungen in ihren jeweiligen Kontexten und Begründungsstrukturen.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive wirft das Begriffspaar neues Licht auf das Funktionieren »säkular« und »postsäkular« codierter Gesellschaft auch jenseits der Unterscheidung von Transzendenz/Immanenz und betrachtet den Transfer bzw. die Transformation von Epistemologien. »Sakralisierungen« werden vor allem mit der metapherhaften Übertragung von Transzendenz auf nichtreligiöse Bezugsgrößen verbunden. Eine Untersuchung der frühneuzeitlichen Vorstellung eines politischen Gottesgnadentums und seine gebrochene Persistenz bis in demokratische Herrschaftslegitimationen hinein erlaubt es so, »Sakralisierungen« in sich wandelnden Formen zu begreifen. »Desakralisierung« umfasst zum Beispiel die vielfältigen gegenständlichen und diskursiven Ikonoklasmen von der Frühen Neuzeit bis zur Hochmoderne. Aus der Annahme heraus, dass solche epistemischen Transferprozesse zwischen politischen, sozialen und religiösen Sphären grundsätzlich offen und in ihrer Richtung variabel sind, ergibt sich die Frage nach dem Transfer, der Interaktion und der Vereinbarkeit unterschiedlicher Systeme der Sakralität. Themenfelder sind hier erstens »Heilige Kriege« in vergleichender Perspektive von der Frühen Neuzeit bis zum »Krieg gegen den Terror«, zweitens Menschenrechte als universaler Imperativ (und ihre »rassistische« Pervertierung), drittens die Sakralisierung des menschlichen Körpers und seiner Gender-Identitäten sowie viertens die – aus der frühneuzeitlichen Aufwertung des diesseitigen Lebens herrührende – industriegesellschaftliche Sinnstiftung der Arbeit und ihre Umdeutung zur emanzipatorischen Praxis der Selbstverwirklichung.

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