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»Pluralisierung und Marginalität«

Pluralisierung und Marginalität

Befürworter der Einigung Europas reklamieren die Pluralität in der Einheit häufig als integralen Bestandteil eines gemeinsamen Wertekanons. So gilt ihnen auch die Pluralisierung von Religion und Kultur sowie von Lebensentwürfen und Lebensformen als ein definierendes Signum des Kontinents und seiner Gesellschaften im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Gegenwärtig scheint diese Haltung allerdings nicht mehr Konsens. Wie wandelte sich historisch die Wertschätzung kultureller, sozialer und religiöser Vielfalt? Welche Einheitsvorstellungen wurden der Pluralisierung entgegengesetzt? Und was war mit denen, die nicht als Teil der Mehrheit verstanden wurden oder sich als solche verstanden? In historischer Perspektive ist am gegenwärtigen Umgang mit Pluralität in Europa vor allem die positive Wertschätzung bemerkenswert, die Unterschiedlichkeit und Vielfalt erfahren. Auch wenn Pluralität seit der »Entdeckung der Vielfalt« (Michael Borgolte) im Mittelalter als eine Grundkonstante europäischer Geschichte gelten kann: In Europa wurde Jahrhunderte lang in gesellschaftlichen wie religiösen Zusammenhängen das Ideal der Einheit und Einheitlichkeit bevorzugt. Die Zugehörigkeit zu sozialen Kollektiven wie Glaubensgemeinschaften, Gilden, Klassen oder Nationen ebnete Unterschiede ein und wurde hergestellt über Gleichheit betonende Inklusionsmechanismen, Loyalitätsforderungen und exklusive religiöse Wahrheitsansprüche. Zugleich konnte dies zu Exklusion und sozialer oder kultureller Stigmatisierung führen. Den Einheitsvorstellungen standen dynamische Prozesse der Pluralisierung gegenüber, die auch einen selbstbewussten Umgang mit Marginalität umfassen konnten.

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Im Zentrum des Forschungsbereichs steht das spannungsreiche Verhältnis von Pluralisierung und Einheitsvorstellungen sowie die Bedeutung von Marginalität für die Prozesse der Pluralisierung. Zu fragen ist daher nach den vielfältigen Beziehungskonstellationen zwischen den Phänomenen, nach den Mechanismen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstverortung, nach Selbst- und Fremdwahrnehmungen wie auch nach Strategien, die das Zusammenleben regeln sollten, sowie nach Politiken von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit.

In religionsgeschichtlicher Perspektive stehen die Formen des Umgangs mit den religiösen Ausschließlichkeitsansprüchen aller drei monotheistischen Religionen und deren Überlagerung durch kulturelle, politische und soziale Differenzen im Mittelpunkt. In diesem Kontext lassen sich vier Themenfelder identifizieren: erstens das spannungsreiche und dynamische Verhältnis von beanspruchter »Orthodoxie« und religiöser Devianz oder selbstbewusst gewählter Marginalisierung. Hierzu gehören im Blick auf die Auseinandersetzung um die Einheit auch Fragen nach religiöser Toleranz und Säkularisierung. Die Einhegung religiöser Differenzen durch politisch-juristische Regelungen, theologische Konsensbemühungen oder Alltagspraktiken bietet ein zweites Forschungsfeld, in dem das Wechselverhältnis von Pluralisierung und Marginalisierung deutlich wird. Analoge Prozesse lassen sich drittens nicht nur innerchristlich, sondern auch innerhalb von Judentum und Islam aufzeigen. Die Geschichte Europas der Neuzeit weist zudem vielfältige Formen gegenseitiger Beeinflussung in Religion und Theologie zwischen den drei monotheistischen Religionen auf. Viertens bestimmen Pluralisierung und Marginalisierung nicht zuletzt die Beziehungen von christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden weltweit. Hier werden im europäisch-außereuropäischen Kontakt Wahrnehmungen und Zuschreibungen von Zentrum und Peripherie ebenso ausgehandelt wie religiöse Gemeinschaftsvorstellungen.

Mit Blick auf die Geschichtswissenschaft lassen sich ebenfalls Themenfelder identifizieren, in denen Forschungsfragen neu perspektiviert werden können. In Fortentwicklung unter anderem von laufenden Forschungen zu Medien, Geschlecht und humanitärer Hilfe ist erstens nach der Genese von Repräsentationen und Artikulationspositionen im Zusammenhang mit marginalisierten Gruppen bzw. den politischen Konstellationen und Mechanismen von »advocacy« zwischen eigener Artikulation und Fürsprache durch Andere zu fragen. In sozialgeschichtlicher Hinsicht soll zweitens der Zusammenhang zwischen Marginalität und religiöser Gewalt in sich modernisierenden Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert untersucht werden. Damit geraten die Grenzen von Pluralität in Alltagspraxis und Lebenswelt in den Blick. Zeitlich übergreifend stellt sich drittens die generelle Frage nach Governancestrukturen im politisch-staatlichen Bereich, das heißt der Organisation von imperialer wie auch demokratischer Macht angesichts der Herausforderung durch Vielfalt. Viertens können von diesem Forschungsbereich weiterführende historiographische Reflexionen über das Verhältnis »europäischer« und »globaler« Geschichtsschreibung ausgehen.

»Controversia et Confessio«. Quellenedition zur Bekenntnisbildung und Konfessionalisierung (1548–1580)

Marginalisierung durch Historiographie. Werden, Entwicklung und Wirkung der Kategorie »Orthodoxie«

Religiöse Friedenswahrung und Friedensstiftung in Europa (1500–1800) – Digitale Quellenedition frühneuzeitlicher Religionsfrieden

Konfessionskultur des Reformiertentums im Nord- und Ostseeraum

Religious Toleration and Peace (RETOPEA)

Glaubenskämpfe: Religion und Gewalt im katholischen Europa (1848–1914)

Global Humanitarianism Research Academy

Auf der Suche nach einer neuen globalen humanitären Ordnung: der Ägyptische Rote Halbmond 1948–1973


Engaging Europe in the Arab World – European Missionaries and humanitarianism in the Middle East (1850–1970)

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